Der Schlammbeiser

Ein rustikaler Geselle zum Gernhaben

Der Veranstaltungstitel "Schlammbeisers Lahnlust" bezieht sich auf die historische Stadtfigur des Gießener "Schlammbeisers". Mit dieser liebevoll-spöttischen (Selbst)Bezeichnung werden "eingeborene" Gießener bedacht. Übrigens: Auch ohne in Gießen geboren zu sein, kann man ganz selbstverständlich ein Schlammbeiser werden. Dazu braucht es nichts weiter als das nötige Maß an Zuneigung zur Stadt und ihren Menschen - und die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können.

Aber was meint das Wort "Schlammbeiser", und wie konnte es zu dieser kuriosen Namensgebung gekommen?

Hinter dem "Schlammbeiser" verbirgt sich nicht etwa eine zweifelhafte kulinarische Vorliebe. Wahrscheinlich sind damit auch nicht "Schlammspringer" gemeint, oder derlei zoologische Raritäten. Nach Ansicht der meisten Experten leitet sich das Wort vielmehr vom "Schlemb-Eiser" ab, einer frühen Form des Kanalarbeiters, die mit der Geschichte der Stadt Gießen eng verbunden ist.

„Zu den Giezzen“ wird Gießen in der urkundlichen Ersterwähnung aus dem Jahre 1197 genannt. Dieses (Zu den) „Güssen“ war im feuchten, von Bächen und Rinnsalen durchzogenen Mündungsgebiet der Wieseck in die Lahn gegründet worden. Als die Siedlung zur Stadt heranwuchs, dienten diese Gräben zur Entsorgung von Abwasser und Unrat. Dieses erste, offene Kanalnetz musste regelmäßig gereinigt und frei gehalten werden – eine Aufgabe, die von sogenannten Schlammbeisern verrichtet wurde, deren wichtigstes Arbeitswerkzeug das "Schlemb-Eisen" war, eine lange Eisenstange mit hakenförmig gebogenem Ende. 

Die vornehmeste Aufgabe der Schlammbeiser bestand darin, die sog. Sekreter oder "Heimlichkeiten" zu entleeren. Denn noch vor rund 100 Jahren bestanden die Toiletten der Häuser aus äußeren Anbauten. Die Schlammbeiser "fischten" mit ihren Schlemb-Eisen die Eimer hervor, in die die Hausbewohner sich erleichtert hatten, luden die Absonderungen und sonstigen Unrat auf Karren und entsorgten den Abfall weit außerhalb der Stadt. Außerdem beseitigten sie mit ihren Schlemb-Eisen Verstopfungen und hielten das oberirdische Kanalnetz in Gang. Dies ist zumindest die weitestgehend anerkannte und eine quasi-wissenschaftliche Interpretation der Begriffsentstehung. 

Es wird aber auch gemutmaßt, dass es womöglich nachbarschaftliche Frotzeleien gewesen sein könnten, die zu dieser spöttischen Namensgebung führten, wobei der Verdacht auf die geliebten Wetzlarer fällt. Während im wohlhabenderen Wetzlar, dem einstigen Sitz des Reichskammergerichts, bereits viele Straßen gepflastert waren, muss es im verhältnismäßig ungepfalsterten Gießen, besonders nach Regenfällen, recht schlammig zugegangen sein. Dies könnte den einen oder anderen Wetzlarer dazu verleitet haben, die Bewohner seiner Nachbarstadt etwas hochmütig als "Schlammbeiser" zu bezeichnen. Doch die so verspotteten Gießener waren keinswegs aufs Maul gefallen und wussten sich zu wehren: Die Wetzlarer wurden im Gegenzug und fortan als "Pflasterschisser" geschimpft...

Wie dem auch sei, unter einem "Schlammbeiser" der frühen Prägung stellt man sich jedenfalls rustikale Gesellen vor, die vermutlich viel Gießener Bier tranken und bestimmt ganz herzlich sein konnten.

Die Arbeitsweise und die Technik der Entsorgung und Stadthygiene haben sich seitdem freilich stark verändert, doch der Name „Schlammbeiser“ blieb bis heute als ironische und liebevolle Selbstbezeichnung der Gießener bestehen. Und auf Initiative von Axel Pfeffer, einem stadtbekannten Karnevalisten, der den Schlammbeiser nicht nur während der alljährlichen Faschingssitzungen auf unvergleichliche Art zum Leben erweckt, setzten die Gießener Bürger ihrer Traditionsfigur im November 2005 ein Denkmal. Mit Hilfe ihrer Spenden, die unter anderem auch beim 1. Gießener Lahnlust-Tag aufgebracht wurden, wurde der Schlammbeiser in Bronze gegossen und findet zwischen Marktplatz und Kirchenplatz seinen vorläufigen Standort.

Seither, d. h.also seit 2005, feiern die Gießener jährlich ihren Fluss und ihren „Schlammbeiser“ mit einem großen Fest: Schlammbeisers Lahnlust.